Unheimlich: Münchner Bilderfund und Ressentiment

Heimlich (Adj. std. (11. Jh., mhd. heim(e)lich, heimlich, mndd. hemelik, mndl. heimelijc. Zu  ⁄  Heim mit der Ausgangsbedeutung “zum Haus gehörig, einheimisch”; schon von Anfang an auch zur Bezeichnung des damit bezeichneten Aspekts: wer sich in das Heim zurückzieht, verbirgt sich vor anderen, vor Fremden. Heute wird der Zusammenhang mit Heim nicht mehr gefühlt. Abstraktum: Heimlichkeit; Präfixableitung: verheimlichen.
(Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache; 24. Auflage, Berlin 2002)

“Unter den Nagel reißen” ist ein Ausdruck, auf den man in diesen Wochen in den Kommentaren auf zeit.de und spiegelonline.de häufig getroffen ist, wenn es um den Münchner Kunstfund ging. “Gierig” kam auch vor. Und “frech” und “unverschämt”. Häufig war auch von “Unrecht” und “Bereicherung” die Rede. Oder von “Enteignung”. Ab und an von “Unverständnis.” Manchmal von “rechthaberisch”. Und davon, dass “es endlich genug ist.”

Bis hierhin könnte man noch denken, es würde sich um Ausdrücke öffentlich bekundeter Entrüstung über die Verzögerungstaktik der bayrischen Stellen bei der Veröffentlichung des Kunstfundes handeln. Oder darüber, dass mit den dahinterstehenden politischen Entscheidungen und der schon absurd anmutenden Personalpolitik, bei einem Kunstfund dieser Größe und Bedeutung eine einzige Kunsthistorikerin zu bemühen, wertvolle Zeit verloren gegangen ist, die Provenienz zu klären und mögliche Erben zu ihrem Recht kommen zu lassen. Oder darüber, dass die bayrische Staatsanwaltschaft nicht von sich aus auf die Idee gekommen ist, mit jüdischen Verbänden und Erbengemeinschaften Kontakt aufzunehmen.

Es könnten sich auch um Beschreibungen dafür handeln, dass sich während den kurzen, aber für so viele so tödlichen acht Jahren des NS-Unrechtregimes eine stattliche Zahl nicht-jüdischer Deutscher unehrenhaft an dem Besitz von von Verfolgung und Ermordung bedrohter oder in Vernichtungslager deportierter jüdischer Deutscher bereichert haben. Im Kleinen wie im Großen. An der Wohnung des Nachbarn, an einem Kleidungsgeschäft, einer Anwaltpraxis, einer Fabrik. Am Besitz von deutsch-jüdischen Familien, den sie, zwangsemigriert, zurücklassen mussten. Oder an Kunstwerken und Antiquitäten, die veräußert werden mussten, weil Berufsverbote für jüdische Deutsche den Erwerb des Lebensunterhaltes zu einem Überlebenskampf machten. Oder weil Besitz veräußert werden musste, um den behördlich abgepressten Betrag für die eigene Zwangsemigration entrichten zu können. Um damit der Zwangsdeportation und Ermordung in Deutschland und den besetzten Gebieten Europas zu entgehen.

Träge Institutionen

Manche der Begriffe könnten sich auch darauf beziehen, dass es viel zu lange gedauert hat, Opfer des NS-Regimes zu entschädigen. Dass die Beträge gering waren und immer noch sind. Oder darauf, dass die gesetzliche Restitutionsregelung mit einer lächerlichen kurzen Verjährungsfrist von 30 Jahren von Anfang an ungenügend und unrealistisch war. Oder darauf, dass die Washingtoner Erklärung aus den 90er Jahren immer noch nur zögerlich umgesetzt wird und staatliche Museen Erbengemeinschaften und ihren Vertretern mitunter immer noch den Zugang zu den Archiven und Sammlungen verwehren. Und deswegen ein Pochen auf die gegenwärtige Rechtssprechung einen faden Beigeschmack hat.

Oder vielleicht, dass es auch jetzt, beim Münchner Kunstfund, Druck aus dem In- und Ausland brauchte, damit erste Bilder veröffentlicht wurden und nun Informationen zu weiteren 590 Bildern, deren Provenienz ungeklärt ist, weltweit zur Verfügung gestellt werden sollen. Und dass es vermutlich weiteren Druck aus dem In- und Ausland braucht, damit diese Informationen zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung auch auf Englisch vorliegen. Weil nur so die unterschiedlichen Interessenverbänden und Privatpersonen von Anfang an herausfinden können, ob das ein oder andere verloren geglaubte Kunstwerk aus Familienbesitz dorthin zurückgegeben wird, wo es hingehört.

Kognitive Dissonanz

Und es könnte sich um Ausdrücke und Begrifflichkeiten handeln, die den Umstand beschreiben, dass sich dieses mehr oder weniger unwürdige Geschehen zu einer Zeit in Deutschland zuträgt, zu der man meint, nun endlich zu einem offenen, aufgeklärten und auch uneigennützigen Umgang mit der NS-Vergangenheit gefunden zu haben. Und dass sich diese lang- und zählebige kognitive Dissonanz gegenüber Verjährungsfristen von 30 Jahren und der Fixierung darauf außerordentlich selbstgenügsam ausnimmt.

Enteignung. Bereicherung. Unrecht. Frech. Unverschämt.
Olle Kammellen. Davon kann man schon mal genug haben. Könnte man meinen.
Weit gefehlt.

“Gierig”, “frech” und “unverschämt” sind Bezeichnungen, die Kommentatoren in den Foren  auf zeit.de und sponline.de oft wählen, um die Forderungen jüdischer Organisationen und die Rechtsansprüche von Erben an den Münchner Kunstfund zu beschreiben und in diesen Zuschreibungen antijüdische Ressentiments auszuleben. Da werden z.B. in allseits bekannter verschwörungstheoretischer Diktion “Interessen in New York” phantasiert, die “mit den Hufen scharren”, um sich die Bilder “unter den Nagel zu reißen”. Wieder andere vermuten nicht biografische Motive, sondern den Hang, “Geld zu machen” hinter Bemühungen, ehemaligen Familienbesitz zu restituieren. Um “Geld machen” und “Gier” geht es überhaupt häufig bei Kommentaren, die sich dagegen aussprechen, jüdischen Eigentümern Bilder aus Familienbesitz zurückzugeben oder aber auch nur deren Provenienz zu erforschen. Allein schon das Ansinnen, dass Interessenverbände oder Erben Ansprüche auf Bilder aus dem Fund geltend machen, empfinden manche als “frech” und “unverschämt”.

Phantasmen und Ressentiment

Gegenüber diesen als Zumutung imaginierten Forderungen wird dann schon fast mantrenhaft der deutsche Rechtsstaat ins Feld geführt und das “Unrecht” beschworen, das eintreten würde, sollten einige Bilder den ursprünglichen Eigentümern zurückgegeben werden “müssen”. Wiederholt sieht man sich auch als Verteidiger eines alten und wehrlosen Mannes, der sich nun vermeintlich unverschuldet und – nach so langer Zeit im Geheimen ­– öffentlich mit Unbill konfrontiert sieht und Gefahr läuft, seine letzten Jahre ohne einige der Bilder zu verbringen, mit denen die Eigentümer und Erben vielleicht auch gerne die letzten Jahre verbracht hätten.

Manche meinen, die Organisationen und Erbengemeinschaften in einer Art Deutungshoheit maßregeln zu können und müssen. Es solle doch nun endlich genug sein “mit den alten Geschichten”. Ein anderer schlägt vor, man könne den Erben Kopien geben und die Originale behalten. Ein anderer hat die wenig überraschende, aber in dieser Wendung beredt kuriose Idee, die Bilder zu verbrennen, damit sie nicht “in die falschen Hände” fallen. Wieder ein anderer weist Restitutionsforderungen von Opferverbänden und Erbengemeinschaften mit dem Hinweis zurück, Israel solle erst einmal die vertriebenen Palästinenser entschädigen. Damit outet sich der Autor zwar als jemand, dessen Geschichts- und Politikverständnis nicht weit über die eigenen Befindlichkeiten und Verstrickungen reicht, aber das ändert auch nichts daran, dass auch aus dieser Vermischung von sehr unterschiedlichen Sachverhalten die Sprache des Ressentiments spricht.

Ein anderer Kommentator ist ganz offen in seinem Antijudaismus:

“Manche versuchen halt, überall Geld anzugreifen (sic). Das sagt viel über deren Charakter aus. Und wundern sich dann, warum sie 2 Jahrtausende lang angefeindet werden.” (“RKS”)

Nun wissen wir alle, dass Inhalte antijüdischer Ressentiments nichts über den Charakter oder die Eigenart des oder der Verfemten, aber viel über den Charakter und die Bedürftigkeit des Verfassers oder der Verfasser aussagen, und so kann es auch nicht verwundern, dass viele der Eigenschaften, die jüdischen Interessenverbänden und Erben zugeschrieben werden eher in der eigenen Haltung oder Geschichte zu finden sind­.

Diese Form der Projektion und ihre Folgen sind deswegen nicht weniger inakzeptabel.

Austreibung des Eigenen

Die jahrhundertealte Geschichte des Antisemitismus und Antijudaismus mit seinen fürchterlichen Progromen und dem deutschen Genozid am europäischen Judentum im 20. Jahrhundert ist eine Geschichte der Ausgrenzung, des Unrechts und der Gewalt. Sie ist auch eine Geschichte der stillschweigenden und stillschweigend geduldeten Übereinkunft historisch jeweils zu bestimmender Bevölkerungsgruppen oder der Mehrheitsgesellschaft, soziale, politische und/oder ökonomische Probleme, soziokulturelle Ungewissheiten und Unwägbarkeiten oder ganz persönliche Anfechtungen einer anderen Bevölkerungsgruppe anzulasten und diese – wie einen Sündenbock im Mittelalter – mehr oder weniger un-heimlich “durch das Dorf zu jagen”. Antisemitische und antijüdische Diskurse maskieren hier nur, was Kern des Anliegens ist: das buchstäbliche Austreiben eigener Probleme auf dem Rücken anderer.

Mit dem Sündenbock und seiner Verfasstheit selbst hat dieses Ritual nur in sofern zu tun, als dass man sich in bestimmten Gesellschaften und Kulturkreisen über die Jahrhunderte darauf verständigt, aus Traditions- oder Machbarkeitsgründen immer auf das selbe Objekt zu setzen. Immerhin lässt sich so auch die Scham über das eigene Tun und gewaltförmige Begehren in das Objekt zu verlagern und dem Objekt selbst die Schuld an dem zu geben, was man ihm antut.

Und so sind die verschiedenen Formen und Inhalte des historischen und zeitgenössischen Antisemitismus und Antijudaismus auch in erster Linie eine Aussage über die politische, soziale und kulturelle Verfasstheit der jeweiligen Bevölkerungsgruppe bzw. Mehrheitsgesellschaft und ihrer Individuen und ihrer individuellen und kollektiven Verwerfungen.

Komplexität und Reduktion

Der sich aus der mittelalterlichen Mythologie und Bilderwelt speisende christliche Antijudaismus, der primäre Antisemitismus und Antijudaismus der Vormoderne und Moderne mit seinen Verschwörungstheorien und anderen Auswüchsen, der sekundäre Antisemitismus, der sich aus der Scham über Auschwitz speist, der antikapitalistische Antijudaismus, der sich auf Marx’ unglücklicher Verschränkung von Finanzkapitalismus und Judentum bezieht, der antijüdische Antizionismus, der sich durch eine übersteigerte und unpolitische Fixierung auf den Staat Israel auszeichnet oder auch der “Antisemitismus ohne Juden”, der gänzlich “ohne Juden” auskommt, bezeugen in diesem Sinne eine Geschichte und Gegenwart, die immer wieder und weiterhin Sündenböcke benötigt – und benutzt – , um kollektive und individuelle Spannungsverhältnisse auszuhalten bzw. zu kanalisieren.

Lässt man den Blick über den europäischen Kontinent bis ins 21. Jahrhundert schweifen, so kann man nur zu dem Schluss kommen, dass es nun  – wirklich ! endlich! – Zeit ist, sich zu emanzipieren und sich ohne Rückgriff auf einen Sündenbock mit den eigenen Verwerfungen und Problemen anzufreunden und auseinanderzusetzen. Eine schwierige Situation kann auch ausgehalten bzw. gemeistert werden, ohne die Unversehrtheit anderer Bevölkerungsgruppe mehr oder minder willentlich aufs Spiel zu setzen.

Dass dies schwierig sein wird, zeigt der Anstieg rechtspopulistischer und nationalistischer Parteien und politischer Strömungen in Europa. Sie spannen einen ganzen Bilderbogen an Sündenböcken zur Bewältigung individueller und kollektiver Krisen auf dem Kontinent auf: Antieuropäismus für die Krise der Nationalstaaten, Autoritarismus für die Krise der demokratischen Staatsform, Antiislamismus für die Krise der nationalen und religiösen Identität, Schwulenfeindlichkeit für die Krise der traditionellen Familie, Antifeminismus für die Krise der traditionellen männlichen Identität etc..Neu sind weder Form noch Inhalte dieser vermeintlichen Krisenbewältigungsstragien, noch das damit verbundene Heilsversprechen, durch Abgrenzung und Ausgrenzung anderer einen Zustand (wiederherzustellen), in dem die als Zumutung erlebte Alltagsrealität vor der Haustür und das Innere weiter “heimlich” bleibt.  Gerade wegen dieses – phantasmatischen – Versprechens haben Parteien und Bewegungen am rechten Rand einen regen Zulauf. Sich auf einen “Übeltäter” zu verständigen, ist sehr viel einfacher, als unübersichtliche Situationen und Unsicherheiten auszuhalten oder gar zu durchdringen. Ein Sündenbock hingegen reduziert die verhasste Komplexität auf ein menschliches Maß, auch wenn  – oder weil – es das eigene ist und darum umso blinder für die eigenen Verwerfungen und gewaltförmigen Impulse.

Was die Rückgabe der Bilder aus dem Münchner Bilderfund angeht, so wird häufig in der Diskussion argumentiert, dies sei eine Frage der Moral, nicht des Rechts. Und Moral und Recht würden sich nur schlecht vertragen. Ist es nun aber nicht so, dass die Rückgabe der Bilder nicht eine Frage der Moral, sondern eine der Gerechtigkeit ist?

Die Änderung der Verjährungsfristen in Restitutionsfragen wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Abbildungsnachweis:
Gego, Untitled, 1970, Ink and silk-screen on paper, 13 x 19 inch, Frederico Sève Gallery, New York

Die Ausstellung “Gego. Line as Object” läuft noch bis zum 2. März 2014 in der Galerie der Gegenwart, Kunsthalle Hamburg.

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