“It’s the future, stupid!”

Die Preisträger der Lead Awards 2013 sind gekürt. Wie in jedem Jahr ging der feierlichen Preisverleihung am Abend ein ganztägiges Symposium in den Deichtorhallen, Hamburg voran. Mit dem Titel “It’s the media, stupid” hatte die Lead Academy dieses Jahr ein angenehm flapsiges Motto für das Branchentreffen ausgegeben. Die Themen des Symposiums waren deswegen nicht weniger engagiert oder ernsthaft: mit einem Crossover aus ganz unterschiedlichen Panels u. a. mit den Internetaktivisten Julian Assange und Jacob Applebaum war ein Rahmen abgesteckt, der Trennschärfe zwischen den einzelnen Themen und damit Raum für Gespräch, Diskurs und Kontextualisierung der Medienbranche zuließ.

So berichteten die jungen Magazinmacher Ibrahim Nehme aus Beirut (The Outpost), David Lane aus London (The Gourmand), Nacho Alegre aus Barcelona (Apartamento) und Uwe Jens Bertmeitinger aus Hamburg (TIssue) über ihr Selbstverständnis und über Rahmenbedingungen, die, sollen und wollen das Blatt und ihre Macher die ersten Ausgaben überstehen, beachtet werden wollen. Unklare Rollen- und Aufgabenverteilung in der Anfangsphase eines Blatts seien typische Anfängerfehler, aus dem man immer erst hinterher lerne, die aber besser nicht gemacht würden. Bei der Finanzierung gibt es, so die Blattmacher, immer auch Spielraum, von Kooperationen mit lokalen Partnern, Anzeigenverkäufen bis hin zu nicht sonderlich wünschenswerter, aber auf dem Podium und vermutlich auch im Publikum hinlänglich bekannter Selbstausbeutung. So unterschiedlich die vorgestellten Projekte konzeptuell und finanziell auch waren, gemein war allen Teilnehmern des Panels die Leidenschaft für das Medium Magazin und genuiner Optimismus, was die Zukunft der Zeitschriftenkultur angeht. Die Begeisterung für das Format war den Speakern anzumerken – ein gelungener Auftakt für ein Symposium mit einem Programm, das die Zukunft der Medien handlungsorientiert ausleuchten wollte.

Die dreckige Zukunft des Drucks

Wie die Zukunft von Print aussehen kann und welche technischen und kreativen Herausforderungen dreidimensionales Drucken mit sich bringt, referierte Ben Jastram, bildender Künstler und Leiter des 3D-Labors der TU Berlin. Vorstellungen, der 3D-Druck im Hausgebrauch würde in naher Zukunft die Welt der Gegenstände und der Industrie revolutionieren, erteilte Jastram eine klare Absage. Die nötige Finesse bei der Aufbereitung der Daten, der finanzielle Aufwand für den Spezialgips, das Gewicht und nicht zuletzt die langen Produktionszeiten stehen dem entgegen. So sind Produktionszeiten von einer Woche rund um die Uhr bei 3D-Druck keine Seltenheit. Eingesetzt wird die Technologie derzeit bei restaurativen und rekonstruktiven Arbeiten für Museen und dem einen oder anderen Architekturmodell von Architekturstudierenden.

Welche Möglichkeiten die Technologie für die Museumsarbeit bietet, zeigte Jastram in einer Slideshow am Beispiel einer antiken Büste, die zu Restaurations- und Rekonstruktionszwecken “aufbereitet” als 3D-Modell gedruckt wurde. Die Beschädigungen des Originals im Kopfbereich durch den sehr langen Zahn der Zeit wurden im 3D-Modell ohne Schaden am Original behoben. Für rekonstruktive und restaurative Arbeiten im Museum ist die Technologie eindeutig ein Gewinn. Auch in anderen Bereichen wird der 3D-Druck wie z.B. schon eingesetzt. Diese Entwicklung steht allerdings erst am Anfang. Der Einsatz von 3D-Druck auf anderen Gebieten wie z.B. in der Medizin befindet sich erst im Stadium der Grundlagenforschung.

Was den Hausgebrauch angeht, so dürfte der derzeitige Stand der Technik den technikaffinen Consumer neben mangelnder Ausreifung der Technik und hohen Materialkosten womöglich auch mit einem weit weniger technologischen, schon gar nicht beliebten und ganz und gar profanen Vorgang aus der Hauswirtschaft abschrecken: wie Jastram mehrfach betonte, muss im Produktionsprozess kontinuierlich und ausdauernd geputzt werden, um die in den Verleimungsprozessen der einzelnen Schichten entstehenden Kunststoffreste zu entfernen. Bei allem Hype um den 3D-Druck als Zukunftstechnologie und der Rede um die nächste industrielle Revolution hat “Per-Knopfdruck-Dinge-Reproduzieren” bislang auch eine ganz gegenwärtige, fast schon angenehm dreckige Seite.

Neue Bescheidenheit und partizipatorisches Bauen

Der Architekt und Ausstellungsmacher Roger Bundschuh skizzierte in seinem Symposiumsbeitrag die Zukunft von Architektur, Städtebau und Stadtplanung. Bundschuh, der u. a. die Sammlung Falckenberg in den Phoenix-Hallen in Hamburg-Harburg zu einem eindrucksvollen Ausstellungsort mit spektakulärem Treppenaufgang und großartigen Sichtachsen umgestaltet hat, verortet die Zukunft des Bauens im Abschied von repräsentativen Großbauten und steingewordenen Gesellschaftsmodellen und einer Hinwendung zum partizipatorischen Bauen. Diese Form des Bauen, wie u. a. vom Netzwerk Architecture for Humanity vertreten, versteht den städtischen Raum als ein in alle Richtungen offenes und dynamisches Feld sich gegenseitig durchdringender gesellschaftlicher Beziehungen. Der Bildhaftigkeit und den geschlossenen Oberflächen repräsentativen Bauens setzt partizipatorisches Bauen Offenheit der architektonischen Strukturen, Ineinandergreifen von öffentlichem und privatem Raum und Nachhaltigkeit entgegen. Derart konzipierte Bauten können architektonisch mitunter wenig spektakulär ausfallen, reagieren dabei aber umso mehr auf die  stadtplanerische und städtebauliche Situation und die Bedürfnisse der Be- und Anwohner. In der Abwendung von Großprojekten und der Hinwendung zu ortspezifischem Bauen auch im kleineren Maßstab macht das partizipatorische Bauen das menschliche Maß zum Ausgangspunkt für für die Zukunft.

Frühling in der Fotografie

Der ägyptische Fotoreporter Mohamed Abd El Ghany, dessen Foto “Trauriges Jubiläum” für den Stern am Abend mit Gold prämiert werden sollte, sprach mit Esther Ruelfs, Kuratorin am Museum für Kunst und Gewebe (MKG), über seine Professionalisierung als Fotoreporter bei der Agentur Reuters in Kairo. Auch die Rolle der Fotografie in der ägyptischen Revolution und bei den jüngsten Unruhen kam zur Sprache. So verlassen sich die großen Agenturen in den Ländern des arabischen Frühlings mittlerweile zunehmend auf lokale Fotografen, während sie zu Beginn der Umwälzungen vorwiegend westliche Fotografen beschäftigt haben. Fotografen aus der Region hätten gegenüber westlichen Fotografen den Vorteil, dass sie nicht nur die Sprache der Bevölkerung sprechen, sondern auch durch die Bevölkerung einen gewissen Schutz haben. Westliche Fotografen können sich hingegen weit weniger frei bewegen.

Im Gespräch mit Ruelfs, die die noch bis zum 17. November 2013 laufende Ausstellung “Kairo. Neue Bilder einer andauernden Revolution” im MKG mitkuratiert hat, ging es auch um die Rolle von “ikonischen” Bilder. Jede politische Bewegung oder Umwälzung hat ihre eigenen Bilder, die Menschen auf die Straße und politische Prozesse in Gang gebracht haben. In diesen spitzt sich eine Situation bildhaft, “ikonisch”, zu und das Bild verankert sich im kollektiven Bildgedächtnis. Dabei ist es zweitrangig, ob ein Profi oder ein Amateur die Aufnahmen gemacht hat. Das eine oder andere ist keine Garantie für Bilder, die soviel Handlungspotential entfalten wie ikonische Bilder. Erfrischenderweise ließ sich Mohamed Abd El Ghany dann auch nicht gegen die Amateur – und Handyfotografen in Stellung bringen. Die Profis seien grundsätzlich im Vorteil, weil sie die bessere Ausrüstung hätten und auch mehr Möglichkeiten, von anderen Profis zu lernen und auch in andere Länder und Regionen zu reisen. Angesprochen auf die Zukunft, meinte Mohamed Abd El Ghany, ihn persönlich würde es besonders freuen, wenn sich die Situation in Ägypten derart entwickelt, dass er auch wieder andere Fotos machen kann. Mehr Entromantisierung der Rolle des Fotoreporters oder  revolutionärer Zeiten geht nur unter Anstrengung.

Your silence will not keep you safe

Ähnlich unaufgeregt gestaltete sich das Panel „It’s the web, stupid“ mit dem Internetaktivisten und Verschlüsselungsexperten Jacob Applebaum und dem WikiLeaks Gründer Julian Assange. Dieser war aus London zugeschaltet. Aufgeräumt, aber deswegen nicht weniger endringlich, warnten die beiden Internetaktivisten im Gespäch mit Adrian Kreye von der Süddeutschen Zeitung einmal mehr vor der Fehlannahme, transnationale Phänomene wie Big Data  weiterhin in nationalen Kategorien zu denken und das Problem in anderen Ländern, aber nicht im eigenen Land zu verorten. Auch Fälle von gezielter Tötung und/oder dem Einsatz von Drohnen in Kriegs- und Konfliktgebieten sind nicht etwa als Ausnahmeerscheinung oder Extremfall einer ansonsten intakten, nationalen oder auch internationalen Rechtssituation misszuverstehen. Als Möglichkeit seien derartige Einsatzmöglichkeiten Big Data und dem “transnational surveillance state” immer schon eingeschrieben. Jeder ist potentiell davon betroffen. Die Abwesenheit von Rechtsstaatlichkeit ist dann auch kein bedauernswerter Verfahrensfehler, sondern Prinzip.

Deutschland und der EU, so Applebaum, obliege es, nationale und internationale Rechtsstaatlichkeit gegen transnationale Rechtlosigkeit und die globale Ausweitung US-amerikanischer und britischer Gesetzgebung stark zumachen. Nicht zuletzt seien es nationale Gesetzgebungen, die es derzeit ihm selbst in Berlin, Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London, Edward Snowden in Moskau und Glen Greenwald in Rio de Janeiro ermöglichen, weiterzuarbeiten. Den Medien käme die Aufgabe zu, als Vierte Gewalt die Öffentlichkeit auch im Fall von Einschüchterungsversuchen  – wie jüngst beim britischen The Guardian –  umfassend zu informieren. Gerade weil “national security states” so viele Geheimnisse hätten, gäbe es dort auch die meisten Sicherheitslücken und die meiste Inkompetenz. Es sei daher besonders wichtig, dass ein unabhängiger, investigativer, durch die Pressefreiheit geschützter Journalismus diese Lücken aufspürt und ohne Angst davor, die Quellen preisgeben zu müssen, darüber berichten kann. Auf die Frage, wie man gegen Big Data und transnationale Überwachung vorgehen könnte, antwortete Applebaum mit einem Zitat der US-amerikanischen Autorin und Aktivistin Audre Lorde: “Your silence will not protect you.” Mit Achselzucken ist es also nicht getan.

Editorial als Marke

Luke Hayman, der als Partner von Pentagram  beim Redesign vieler großer internationaler Magazine federführend ist, gab unter dem Motto “It’s the design, stupid!” zwei eingängige, aber nicht sonderlich überraschende Devisen gegen das Print-Sterben aus: „Don’t be boring!“ und „It’s all about content.“ Versteht man mit Hayman Editorials als Marke, die es auszubauen und zu pflegen gilt, dann geht es bei einem Redesign immer auch darum, die Markenidentität und den Markenkern nicht zu beschädigen. Ein Blick in die Geschichte und Archive des betreffenden Magazins zu werfen, sei bei den gestalterischen Überlegungen besonders hilfreich. Oftmals fände man hier Ansätze und grafische Konzepte, an die man anschließen und das Magazin aus seiner eigenen Geschichte heraus konsistent weiterentwickeln könne. Sich beim Auf- und Ausbau einer Zeitschriftenmarke in Europa Anregungen aus den USA zu holen, könne auch nicht schaden. US-amerikanische Marketing- und Finanzierungsstrategien wie z. B. Ausrichtung von Konferenzen oder auch, wie im Fall des linksliberalen Magazins The Nation, von Kreuzfahrten mit entsprechend zusammengestelltem Programm und Speakern, nachzudenken, muten vielleicht auf den ersten Blick merkwürdig an, sind aber Teil erfolgreicher Geschäftsmodelle.

Vor die Wahl gestellt, was wichtiger für eine Marke sei, Design oder Content, votierte er mit Emphase für den Content. Aufregendes Design, Infografiken auf jeder Seite und visuelles Storytelling könnten Schwächen beim inhaltlichen Konzept nur in begrenztem Maße auffangen. Im besten Falle gehe ein aufregender Content mit aufregendem Design einher. Dazu bräuchte es Herausgeber, die an Design interessiert und Designer, die an Content interessiert sind. Das New York Magazine sei so ein Glücksfall und derzeit eines der beste Magazine weltweit.

David Carson, Typo-Rebell und Art Director des legendären Ray Gun Magazins, hätte vermutlich einen etwas anderen Lösungsweg gegen das Zeitungssterben vorgeschlagen. Leider hatte er den Flieger nach Hamburg verpasst.

Überflüssige Schlachten

Nach einem Tag mit sehr unterschiedlichen Themen und Perspektiven war der als Abschluss des Symposion anberaumte „battle“ zwischen Digital und Print mit den jeweiligen Teams von bild.de und dem ZEIT Magazin dann ein etwas befremdliches Unterfangen. Die diesem Feldversuch zugrundeliegende Frage, welches Medium, Digital oder Print, das bessere sei, mutete am Ende eines  Symposiums, das Polarisierungen und Verkürzungen erfrischenderweise kaum das Wort gegeben hatte, schon fast „akademisch“ an.

Ob Digital oderPrint scheint längst nicht mehr die Frage zu sein. Und plattformabhängige wie unabhängige Inhalte für Digital und Print der gangbarste und realistische Weg – “it’s the future, stupid!”

Die prämierten und nominierten Arbeiten der Lead Awards sind noch bis zum 13.10 in den Deichtorhallen zu sehen.

 

 

 

 

 

 

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