Gute Arbeit und Zukunftsoptimismus

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Fischli &Weiss, Equilibres

Am 13. und 14. März fand mit großem Erfolg zum dritten Mal auf kampnagel in Hamburg ein Kongress von Work-in-Progress statt. Auch dieses Jahr trafen zahlreiche Referenten aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur, Kunst, Politik und Wirtschaft aufeinander, um die Frage nach dem Wandel der Arbeit und dem, was “gute Arbeit” ausmacht oder ausmachen könnte, in unterschiedlichen Formaten und aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. An den Kongress angegliedert und ebenfalls auf kampnagel: Premiere und Aufführungen des Theaterstücks “Born Rich – Die anonymen Milliardäre” von Tino Hanekamp und Maria Magdalena Ludewig mit  Anna Ratte-Polle in der Rolle der Protagonisten.

Wenn ein Speaker eines von der Hamburg Kreativ Gesellschaft organisierten Kongresses dem Publikum im vollbesetzten Zuschauerraum ein in Diktion wie Intention etwas uneindeutiges “Hier sind ja alles Hipster.” offeriert und eine eindeutige, den Referenten aus dem Dilemma eines ungewissen Gegenübers befreiende Reaktion auf Seiten der Zuschauer bis auf ein oder zwei einsame Lacher ausbleibt, so kann das mehrere Gründe haben: 1. die Zuschauer verstehen sich nicht als Hipster und fühlen sich nicht angesprochen; 2. die Zuschauer verstehen sich als Hipster und finden die Frage überflüssig; 3. die Zuschauer erleben das unerwartete identitäre Angebot als subjektiv verunsichernd und sind kurzfristig handlungsunfähig; 4. die Zuschauer fühlen sich spontan existentiell erschüttert und fragen sich hilflos, wovon sie außerdem noch nicht wussten, das sie es sein könnten; 5. die Zuschauer sind durch vorhergehende andere interessante Vorträge temporär ermattet; 6. die Zuschauer sind andersweitig engagiert und/oder kooperationsunwillig.

Sachbearbeiter des Selbst

Während Option 5 erfahrungsgemäß zum Tagesgeschehen eines jeden Kongresses, der über den Austausch von Banalitäten hinausgeht, gehört und Nummer 6 immer mal aktuell sein kann, beschreiben die anderen Möglichkeiten eine Gemengelage, die den diesjährigen Kongress “Gute Arbeit” der Hamburg Kreativ Gesellschaft kontrovers und damit interessant machte. Was “gute Arbeit” ausmacht, war mit dem Dreigestirn produktiv/interessant/sinnvoll schnell festgestellt, weit weniger Einigkeit umspülte hingegen andere Fragen, die sich im Laufe des Tages im Zusammenspiel der Vorträge und den Diskussionen auftaten: Welche Rolle spielt das an Aristoteles Diskurs des “guten Lebens” angelehnte Konzept der guten Arbeit im Nachdenken über den Wandel der Arbeitsgesellschaft? Weist das Konzept der guten Arbeit den “Work-Life-Bullshit” (Thomas Vasek), der die Arbeit schon immer als nicht weiter verhandelbare Größe einer auf Effizienz und Produktivität getrimmten Wachstumsgesellschaft verstanden wissen will, in die Schranken, oder bleibt der Diskurs über die gute Arbeit einem Gesellschafts- und Arbeitsmodell verhaftet, die ohne klassische Erwerbsarbeit nicht auskommt?

Welche Forderungen ergeben sich aus der Absage an eine Arbeitsgesellschaft, die “das gute Leben” immer schon auf den Bereich des Lebens bzw. Freizeit ausgelagert hat, wo es auch hier wieder nur selbstoptimiert und selbstoptimierend der Arbeit und Produktivität am nächsten Tag zugeführt wird? Sollte nicht eher mit Unterbrechungsriten wie dem Kaffee zwischendurch, mit müßigem Nichtstun und rauschhaftem Exzess dem von den französischen Philosophen George Bataille und Michel Leiris proklamierten “Heiligen im Alltag” wieder zu seinem Recht verholfen und der “Kultur des Verbots”, die jeden zum “Sachbearbeiter seiner selbst” (Robert Pfaller) ­­­macht, die Stirn geboten werden? Oder geht es mit der Einführung eines auskömmlichen und bedingungslosen Grundeinkommens darum, die Grundlage für eine Gesellschaft der souveränen Bürger – und nicht etwa der Erwerbstätigen – zu schaffen und sich “Freiheit statt Vollbeschäftigung” (Sascha Liebermann) auf die Fahnen zu schreiben? Was nun aber, wenn manche dieser Entwürfe wie z. B. der der Rehabilitierung des Müßiggangs und der guten Arbeit auf aristokratische Modelle (Aristoteles, Montaigne) zurückgehen und auch das Ansinnen eines bedingungslosen Grundeinkommens auf republikanischen Begriffen von Bürger und demokratischer Öffentlichkeit fußt, die “den Bürger” immer schon als von der Arbeit befreit sahen, während eben diese  – in einer Sklavenhaltergesellschaft – von Menschen ohne Bürgerrechte unter Zwang versehen wurde? Wie lassen sich diese Modelle auf die Arbeitsgesellschaft der Zukunft übertragen? Muss es vielleicht doch eher um ein Konzept wie das der “ganzen Arbeit” (Beate Zimpelmann), das alle Bereiche von Arbeit inklusive “Sorgearbeit”, “Gemeinschaftsarbeit” und “Eigenarbeit” in die Überlegungen einbezieht und in einer Postwachstumsgesellschaft eine Vollzeitarbeit von 30 Stunden für alle vorsieht, gehen? Schließen sich die verschiedenen Ansätze gegenseitig aus oder untersuchen sie vielmehr unterschiedliche Facetten der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft und ihrer Zukunft?

Frohes Schaffen 

Es ist der große Verdienst der Kongressorganisation, die Auswahl der Vorträge, Präsentationen und Diskussionsrunden inhaltlich so unterschiedlich aufgestellt zu haben, dass sich der eine oder andere Versuch, die eine oder andere theoretische Position in der Diskussion oder in der Zusammenschau des Kongressprogramms festzuzurren, schnell als unergiebig und ungewollt erwies. Stattdessen gab es Einblicke in praktische Umsetzungen moderner und zukünftiger Arbeitsformen mit oder ohne Modellcharakter: unter der Rubrik “Gute Unternehmen” ging es in der K2 u. a. um Feelgood-Management in Unternehmen (Magdalena Bethge), neue Formen der Unternehmensführung (Bernd Oestereich) und soziale Sinnunternehmen (Daniel Rahaus). In der KMH wurden u. a. Modelle vernetzten Arbeitens, Leben und Arbeiten als digitale Nomadin (Conni Biesalski), Strategien zu postheroischem (Nicht)Handeln in Zeiten ultimativer Beschleunigung (Holm Friebe), Genossenschaftsmodelle (Felix Weth), Quantified Self und Arbeit (Michael Schieben) und “Frohes Schaffen – Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral” (Konstantin Faigle) vorgestellt. Hier waren eindeutig die (digitale) Kreativwirtschaft und ihre Akteure als Referenz- und Bezugsgrößen angesprochen, ein Umstand, der jeden in diesem Bereich Tätigen grundsätzlich erfreuen kann, aber auch einen mittelgroßen blinden Fleck in Vorträgen und Diskussionen zu Tage treten ließ: Wer spricht für wen? Welche Bilder von ‘guter Arbeit’ und ‘neuer Arbeitsgesellschaft’ werden evoziert? Für wen sind die neuen Arbeitsformen gedacht? Welche Allgemeinheitsansprüche werden formuliert? Was bleib unausgesprochen, was ausgeschlossen?

Gegenwartseitelkeiten und Zukunftsblase

Als ein Kongress, der von der Hamburg Kreativ Gesellschaft und Kampnagel organisiert wurde, ist es nur legitim und schlüssig, die Kreativbranche und ihre Beschäftigen in den Mittelpunkt zu stellen oder aus dieser Position heraus zu sprechen. Folglich hätte man im Laufe des Kongresses durchaus denken können, “gute Arbeit” und die Zukunft der Arbeit sei ausschließlich in der Kreativbranche und bei einem vermeintlich unerschöpflichen Pool von scheinbar ewig jungen, immer hoch motivierten, immer vernetzt arbeitenden, immer kreativen und immer gesunden Kreativen zu finden, deren einziges Problem – wenn überhaupt –  ein Überangebot an eigenen Möglichkeiten und Herausforderungen ist und sein könnte. Eine Erschöpfungsdepression wird hier schnell zu einem fast schon heroischen Zeichen eines Übermaßes an Kreativität und Produktivität, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung umgedeutet. Arbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, ungenügende Bezahlung, permanenter Termindruck, mangelnde Absicherung bei Krankheit und im Alter und andere weniger schöne Begleiterscheinungen scheinen als Negativfaktoren einer Krankheit, an der eben auch – ganz profan –  Arbeitslose und Menschen in anderen Branchen und Beschäftigungsverhältnissen erkranken, im großen Sog der Selbsterzählung und auch Selbstvergewisserung nicht vorzukommen. Diese Leerstelle im Tableau der Gegenwarts und Zukunftsbeschreibung ist verwunderlich, bedenkt man, dass die Kreativ- und Kulturwirtschaft trotz aller Kreativität auch in Hamburg in vielen Segmenten durch umkämpfte Auftragslagen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und mangelnde soziale Absicherung geprägt ist. Verteilungskämpfe im Grafikgewerbe, mangelnder bezahlbarer Atelierraum in den bildenden Künsten, Werkverträge in der Museumsarbeit und Geschäftsmodelle für professionelle journalistische Arbeit, die, wie u. a. die Huffington Post, eine adäquate Vergütung für Recherche und Arbeit am Text erst gar nicht vorsieht, sind nur einige Beispiele dafür, dass auch die Kreativwirtschaft Teil eines größeren Wirtschaftsgefüge ist. Zweifel, ob die Branche als Projektionsfläche für “gute Arbeit ” und ihre Zukunft geeignet ist, sind also durchaus angebracht. Ob die Formel “Wir können alles werden, was wir wollen!” über den enthusiastischen Impuls und die eigene Klientel hinaus einer Situation gerecht wird, in der handfeste sozioökonomische Kriterien wie u. a. familiärer und finanzieller Hintergrund, Bildungsbiografie, Migrationsstatus und Geschlecht immer noch die individuelle Erwerbsbiografie maßgeblich mitbestimmen, sei ebenfalls dahingestellt. Im leicht phantasmatischen Diskurs des “Anything Goes” scheint vielmehr jeder Autor, Protagonist und “Entscheider” der eigenen Erfolgsgeschichte und projiziert sich als solcher, autonom und vernetzt zugleich, vorbildhaft in die Möglichkeiten der Zukunft. So wird dann auch im Flyer des Kongresses gefragt: “Wie können wir Arbeit attraktiver gestalten?”, “Wie können wir den Anforderungen an sinnvolle Arbeit gerecht werden?” und “Wie und warum wollen wir arbeiten?” Fast wähnt man sich schon in einer Zukunft, in der jeder frei walten und gestalten kann und Begriffe wie “Lohnarbeit” und “abhängiges Beschäftigungsverhältnis” obszöne Relikte einer weit zurückliegenden Zeit sind. Wie zukunftsfähig eine Gegenwarts- und Zukunftbeschreibung ist, die alles, sich einer geschmeidigen Vereinnahmung entziehende Sperrige, Komplexe und Widersprüchliche ausschließt, ist vermutlich eine Frage der Perspektive, aber eben auch von Gegenwarteitelkeit und “Zukunftsblase” (Holm Friebe).

Postwachstumsgesellschaft und frohe Botschaft

Etwas in der Schwebe bzw. im Realitycheck aus der Balance schien dann auch Diskurs und Debatte über die Umgestaltung der Wachstumsgesellschaft zur Postwachstumsgesellschaft. Modelle und Praktiken von z. B. Sharing Economy und Collaborative Consumtion lassen sich im Kontext von Hochschule, Zeitungsfeuilleton und Lifestyle Choices der urbanen, netzaffinen Kreativszene gut ein, überführt in gesamtgesellschaftliche Kontexte jedoch gerät der im Diskurs leicht mitschwingende Allgemeinheitsanspruch des Konzepts glokal wie global etwas ins Schlingern. Die Trias Sustainability, Subsistenz und Suffizienz und postmaterialistischer Wertekanon lassen sich aus der Position derjenigen, die alles haben können, aber nicht wollen, eher visionär formulieren und umsetzen als aus einer Position, in der schon Grundbedürfnisse nicht gedeckt sind oder die über materielle Güter artikulierte Teilhabe an Gesellschaft immer mal wieder oder immer wieder neu verhandelt werden muss. So leiden Zweidrittel der Weltbevölkerung nicht etwa unter einem Zuviel an Produkten und Dienstleistungen, sondern an zu wenigen. Gleiches gilt auch für 25% der deutschen Bevölkerung (Harald Heinrichs). “Suffizienz” erscheint hier als eine Ziellinie, die zu erreichen auch für diese Betroffenen vorteilhaft wäre, jedoch ein gewisses Plateau an Wohlstand voraussetzt, von dem aus es sich gut verzichten lässt. Werden bestehende Wohlstandsgefälle oder die völlige Abwesenheit von Wohlstand nicht in die Überlegungen zur Postwachstumsgesellschaft miteinbezogen, gerinnt die Aufforderung zum Verzicht im Namen der Nachhaltigkeit national wie international zum Zeichen einer aus der Zeit gefallenen bürgerlichen Sozialromantik mit Lehrstückcharakter und einer neuen frohen Botschaft. Eine gute Alternative zu durchaus wohlmeinenden und auch visionären, aber eben doch noch ein wenig in den Ökonomien des Eigenen verhafteten Selbstermächtigungsphantasien und zu etwaigen dirigistischen Anwandlungen scheint hier die Aufforderung zu sein, “vor der eigenen Haustür zu schauen, was man tun kann” (Ulf Schönheim). Fragen, wie sich die Postwachstumsgesellschaft denn durchsetzen lässt, ob “bottom down”, “bottom up” oder als “trickle down” kann man dann ja immer noch klären.

Lifestyle Choices und Zukunftsoptimismus

Eine Schwierigkeit des Hamburger Kongresses war sicherlich, dass mit dem Thema “Gute Arbeit” ein historischer, politischer und gesellschaftspolitischer Bedeutungshorizont aufgespannt war, der dann doch immer wieder recht exklusiv von und für die Kreativbranche aus der Perspektive eines imaginären “wir” der Digital Community aufbereitet wurde. Gesellschaftliche und soziale Referenzpunkte, die über die eigenen hianusgingen, waren kaum auszumachen, ein Umstand, der die eine oder den anderen auf dem Podium u. a. dazu verleitete, “Es gibt auch noch die Verkäuferin!” (Beate Zimpelmann) auszurufen oder die Gruppenzugehörigkeit zur Kategorie “Hipster” (Harald Heinrichs) abzufragen. Auch die Anflüge von Grandezza, mit der mitunter recht flott über “die Menschen” und “die Zukunft” geredet wurde und bei denen im Zuhören nicht immer auszumachen war, ob, und wenn ja, welche gesellschaftsanalytischen Kriterien außer der Technologieentwicklung und den eigenen Koordinaten dem jeweiligen Entwurf zugrunde liegen, sind womöglich für Branchen- und Diskursferne etwas gewöhnungsbedürftig. Gleiches gilt für die Ablösung des Begriffs der ‘Gesellschaft’ durch den der ‘Gemeinschaft’ und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für das Verständnis von ‘Öffentlichkeit’. Recht überraschend war zudem, dass man im Laufe des Kongresses durchaus den Eindruck gewinnen konnte, schon die Gegenwart sei strukturell so angelegt, dass “gute Arbeit” allein eine Frage von individuellen Lifestyle auf der Arbeitnehmerseite und gutem Willen auf Arbeitgeberseite und die Zukunft ein Heimspiel sei, das sich nur noch einfinden muss. Wäre dem so, wäre Aristoteles und sein Konzept des “guten Lebens” maßlos überschätzt, ein interessanter und auch kontroverser Kongress wie der Hamburger Work-in-Progress Kongress überflüssig, die Gegenwart nur willfährige Spielart einer berechenbaren Zukunft und die Zukunft nur halb so chaotisch unübersichtlich und offen, wie sie sich jetzt schon zeigt.

“Jetzt vielleicht doch einen Kaffee.” (Robert Pfaller)

Die großartigen Event Illustrationen von Till Laßmann sind auf der Facebook Präsenz von Work in Progress anzuschauen.  

Literatur:

Friebe, Holm: “Die Stein-Strategie”, Hanser 2013
Kurz, Constanze und Rieger, Frank: “Arbeitsfrei”, Riemann 2013
Nussbaum, Martha: “Gerechtigkeit oder Das gute Leben”, Suhrkamp Verlag 2012
Pfaller, Robert: ” Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft”, Fischer Taschenbuch Verlag 2012Vasek, Thomas: “Work-Life-Bullshit”, Riemann 2013

 

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