Magier der Subversion: Gianfranco Baruchello

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Gianfranco Baruchello, I CONSIGLI DEL SIG. DODGSON, 1974, Assemblage

Mit der großartigen Retrospektive “Certain Ideas” des mittlerweile 89-jährigen italienischen Künstlers Gianfranco Baruchello schenkt die Sammlung Falckenberg der Stadt Hamburg und allen Kunstinteressierten in diesem Sommer eine Zusammenschau von 150 Arbeiten des in Deutschland zu Unrecht wenig bekannten Künstlers, der eng mit Marcel Duchamp befreundet war. “Certain Ideas” kann mit diesem ungeöhnlich schönen Sommer in seinen schönsten Erscheinungen konkurrieren:  Die ausgestellten Arbeiten von Baruchello sind großzügig charmant, lustvoll theoretisch inspiriert, umwerfend subversiv, immer Auge und Geist herausfordernd, dabei spielerisch-witzig und in den meisten Fällen wirklich aufregend, ohne sich im Aufdringlichen zu erschöpfen. Geistige Trägheit oder gar Dumpfheit stellt sich trotz der Menge der Exponate bei der Qualität der gezeigten Arbeiten nicht ein, ein erfreulicher Umstand, der der Qualität der Exponate und  der  – wie immer in der Sammlumg Falckenberg! – exzellenten Führung zuzuschreiben ist.

Installation, Grafik, Film, Fotografie – es gibt fast kein Medium, auf das sich Baruchello nicht auf seine ganz eigene Art eingelassen hätte und zu Ergebnissen gekommen wäre, die spätere Strömungen und Richtungen vorwegnahmen. Auch aus diesem Grund ist die erste große Retrospektive Baruchellos in Deutschland für alle, die sich im Sinne der Kunstgeschichte als Bildwissenschaft (Bredekamp) für theoretische, historische und ikonologische Zusammenhänge eines künstlerischen Oeuvres interessieren, eine breit bebilderte Fundgrube, in der sich gut vergnügt wandeln und stöbern lässt. So nannte u. a. der dieser Tage verstorbene Filmemacher Harun Farocki einen von Baruchellos Filmen aus den 70er Jahren, der großartigerweise in voller Länge “Certain Ideas” gezeigt wird, den ersten “postmodernen” Film. Das künstlerische wie filmtheoretische Ansinnen, Tausende von Einzelframes unterschiedlicher Filme und Filmschnipsel so aufzubereiten und zusammenzukleben, dass neue Bedeutungskontexte und Narrationen enstehen, ist so umwerfend subversiv, charmant und geistreich, dass man wie ein Kind vor Freude in die Hände klatschen möchte und ins Staunen über die buchstäblich “bewegten Bilder” gerät. Hier wird den Betrachtern wahrlich großes Kino geboten, und das ganz unprätentiös in Ansatz wie Anmutung!

Die fachlich wie pädagogisch exzellenten und immer auch vergnüglichen und anregenden Führungen in der Sammlung Falckenberg dauern mitunter bis zu 2 Stunden, so auch in der Retrospektive “Certain Ideas”.  Eine Ausstellung von 150 Exponaten in zwei Stunden zu durchschreiten, ist fast unmöglich, und so machen die Exponate wie Führung Lust auf mehr. Wer also in diesem Sommer noch Lust auf große Kunst, großes Kino und großes Lachen hat, sollte sich unbedingt auf den Weg in die Phoenixhallen nach Hamburg-Harburg machen. Und darauf gefasst sein, unbedingt noch einmal wiederkommen zu wollen, um dem Entdecker und Magier Baruchello noch ein wenig mehr auf die Sprünge zu kommen.

Ganz großartig. Was für ein sommerliches Vergnügen!

Sammlung Falckenberg, “Certain Ideas”, Retrospektive Gianfranco Baruchello ,
14. Juni– 28. September 2014

 

Lead Awards 2014

Es ist wieder soweit: Die Lead Awards 2014 in den Deichtorhallen Hamburg haben ihre Pforten geöffnet und geben dem Betrachter und der Betrachterin viel zu Sehen und zu Schauen. Auch kritisches Hinterfragen der unterschiedlichen Medien kommt nicht zu kurz. Besuch und Verweilen in der gut gemachten Ausstellung mit minimalistischer Präsentation lohnen sich unbedingt!

Hause der Photographie, Deichtorhallen, “VisualLeader 2014″, 26. Juli – 5. Oktober 2014

Gute Arbeit und Zukunftsoptimismus

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Fischli &Weiss, Equilibres

Am 13. und 14. März fand mit großem Erfolg zum dritten Mal auf kampnagel in Hamburg ein Kongress von Work-in-Progress statt. Auch dieses Jahr trafen zahlreiche Referenten aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur, Kunst, Politik und Wirtschaft aufeinander, um die Frage nach dem Wandel der Arbeit und dem, was “gute Arbeit” ausmacht oder ausmachen könnte, in unterschiedlichen Formaten und aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. An den Kongress angegliedert und ebenfalls auf kampnagel: Premiere und Aufführungen des Theaterstücks “Born Rich – Die anonymen Milliardäre” von Tino Hanekamp und Maria Magdalena Ludewig mit  Anna Ratte-Polle in der Rolle der Protagonisten.

Wenn ein Speaker eines von der Hamburg Kreativ Gesellschaft organisierten Kongresses dem Publikum im vollbesetzten Zuschauerraum ein in Diktion wie Intention etwas uneindeutiges “Hier sind ja alles Hipster.” offeriert und eine eindeutige, den Referenten aus dem Dilemma eines ungewissen Gegenübers befreiende Reaktion auf Seiten der Zuschauer bis auf ein oder zwei einsame Lacher ausbleibt, so kann das mehrere Gründe haben: 1. die Zuschauer verstehen sich nicht als Hipster und fühlen sich nicht angesprochen; 2. die Zuschauer verstehen sich als Hipster und finden die Frage überflüssig; 3. die Zuschauer erleben das unerwartete identitäre Angebot als subjektiv verunsichernd und sind kurzfristig handlungsunfähig; 4. die Zuschauer fühlen sich spontan existentiell erschüttert und fragen sich hilflos, wovon sie außerdem noch nicht wussten, das sie es sein könnten; 5. die Zuschauer sind durch vorhergehende andere interessante Vorträge temporär ermattet; 6. die Zuschauer sind andersweitig engagiert und/oder kooperationsunwillig.

Sachbearbeiter des Selbst

Während Option 5 erfahrungsgemäß zum Tagesgeschehen eines jeden Kongresses, der über den Austausch von Banalitäten hinausgeht, gehört und Nummer 6 immer mal aktuell sein kann, beschreiben die anderen Möglichkeiten eine Gemengelage, die den diesjährigen Kongress “Gute Arbeit” der Hamburg Kreativ Gesellschaft kontrovers und damit interessant machte. Was “gute Arbeit” ausmacht, war mit dem Dreigestirn produktiv/interessant/sinnvoll schnell festgestellt, weit weniger Einigkeit umspülte hingegen andere Fragen, die sich im Laufe des Tages im Zusammenspiel der Vorträge und den Diskussionen auftaten: Welche Rolle spielt das an Aristoteles Diskurs des “guten Lebens” angelehnte Konzept der guten Arbeit im Nachdenken über den Wandel der Arbeitsgesellschaft? Weist das Konzept der guten Arbeit den “Work-Life-Bullshit” (Thomas Vasek), der die Arbeit schon immer als nicht weiter verhandelbare Größe einer auf Effizienz und Produktivität getrimmten Wachstumsgesellschaft verstanden wissen will, in die Schranken, oder bleibt der Diskurs über die gute Arbeit einem Gesellschafts- und Arbeitsmodell verhaftet, die ohne klassische Erwerbsarbeit nicht auskommt?

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Unheimlich: Münchner Bilderfund und Ressentiment

Heimlich (Adj. std. (11. Jh., mhd. heim(e)lich, heimlich, mndd. hemelik, mndl. heimelijc. Zu  ⁄  Heim mit der Ausgangsbedeutung “zum Haus gehörig, einheimisch”; schon von Anfang an auch zur Bezeichnung des damit bezeichneten Aspekts: wer sich in das Heim zurückzieht, verbirgt sich vor anderen, vor Fremden. Heute wird der Zusammenhang mit Heim nicht mehr gefühlt. Abstraktum: Heimlichkeit; Präfixableitung: verheimlichen.
(Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache; 24. Auflage, Berlin 2002)

“Unter den Nagel reißen” ist ein Ausdruck, auf den man in diesen Wochen in den Kommentaren auf zeit.de und spiegelonline.de häufig getroffen ist, wenn es um den Münchner Kunstfund ging. “Gierig” kam auch vor. Und “frech” und “unverschämt”. Häufig war auch von “Unrecht” und “Bereicherung” die Rede. Oder von “Enteignung”. Ab und an von “Unverständnis.” Manchmal von “rechthaberisch”. Und davon, dass “es endlich genug ist.”

Bis hierhin könnte man noch denken, es würde sich um Ausdrücke öffentlich bekundeter Entrüstung über die Verzögerungstaktik der bayrischen Stellen bei der Veröffentlichung des Kunstfundes handeln. Oder darüber, dass mit den dahinterstehenden politischen Entscheidungen und der schon absurd anmutenden Personalpolitik, bei einem Kunstfund dieser Größe und Bedeutung eine einzige Kunsthistorikerin zu bemühen, wertvolle Zeit verloren gegangen ist, die Provenienz zu klären und mögliche Erben zu ihrem Recht kommen zu lassen. Oder darüber, dass die bayrische Staatsanwaltschaft nicht von sich aus auf die Idee gekommen ist, mit jüdischen Verbänden und Erbengemeinschaften Kontakt aufzunehmen.

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TYPO DAY Hamburg – Der Duft der Marke

„Alle Farben sind schon weg“ kommentiert Erik Spiekerman die Rolle der Schrift in der Markenkommunikation im Eröffnungsvideo des 10. TYPO Day am 1. November im Bucerius Kunst Forum in Hamburg. Und weil die Farben alle schon weg sind – sprich durch Marken belegt – läge es an der jeweiligen Typografie, die entscheidenden Impulse bei Markenbildung und Markenidentität zu geben. Damit war dann auch das Motto des von FontShop ausgerichteten Hamburger TYPO Days 2013 ausgegeben: „Corporate Typography“.

Corporate Font und Zeichenausstattung

Jürgen Siebert, Vorstand von FontShop und u. a. Programmdirektor der TYPO Berlin und des TYPO Days, vermerkte in seinem Eingangsbeitrag, der Corporate Font sei der „Duft der Marke“. Wie die Madeleines in Marcel Proust’s Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ein ganzes Erinnerungsfeld des Ich-Erzählers aufruft, so kann ein gut gewählter Corporate Font als Teil des Corporate Designs Assoziationen und Erinnerungen im Bewusstsein anklingen lassen, die für Markenbildung und Markenidentität von zentraler Bedeutung sind. Dabei ist es nicht unbedingt ausschlaggebend, ob mit einem serienmäßigen Font gearbeitet, ein bestehender Font in Absprache mit dem Fonthaus modifiziert oder ein Font neu entwickelt wird. Eine markenstarke Schrift zeichne sich vielmehr auch durch Anwendungstauglichkeit auf den verschiedenen Ausgabegeräten und durch die Zeichenausstattung (Nicht-lateinische Schriften, Tabellenziffern, Währungszeichen, Piktogramme) aus. Institutionen wie der Deutsche Wetterdienst oder international agierende Konzerne wie Linde benötigen z. B. Fonts, die breit aufgestellt sind und gegebenenfalls erweitert werden können. Weiterlesen →

Rhino Superstar

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In der heutigen Zeit können sich Stars und Sternchen glücklich schätzen, wenn ihre Berühmtheit eine Woche, einige Jahre oder einige wenige Generationen anhält. Mehr gibt die Aufmerksamkeitsspanne und -ökonomie dieser Tage kaum her. Stars, deren Popularität über Jahrhunderte Spitzenwerte erreicht und die mittlerweile zum kulturellen Inventar geworden sind, sind dagegen eine Rarität. Dürers “Rhinocerus” aus dem Jahr 1515, ist zweifelsohne ein solcher Superstar. Schon zu seiner Zeit wurde der Holzschnitt bzw. das Rhino mit seinem Begleittext einem Flugblatt ähnlich in acht Auflagen gedruckt und in den Haushalten in Umlauf gebracht. Als grafische Vorlage im Kunstunterricht ist das Rhino auch heute noch in Schulen beliebt. Und im Januar diesen Jahres wurde der Holzschnitt (248mm x 317 mm) bei Christie’s in New York für die Rekordsumme von 866 500 Dollar verkauft. Für Rhino Superstar ein angemessener Preis. Schon zu Lebzeiten war das Nashorn im Europa der Wunderkammern und Raritätenkabinette gesamteuropäsicher Kult. Altgeworden ist es dabei leider nicht.

A star is born

Wir schreiben das Jahr 1515. In Europa hat sich nach dem dunklen Mittelalter das Zeitalter der Renaissance mit seiner Hinwendung zu den Wissenschaften und dem Humanismus den Weg gebahnt. Rhino Superstar kommt als erstes lebendes Nashorn im Hafen von Lissabon an. Weiterlesen →

“It’s the future, stupid!”

Die Preisträger der Lead Awards 2013 sind gekürt. Wie in jedem Jahr ging der feierlichen Preisverleihung am Abend ein ganztägiges Symposium in den Deichtorhallen, Hamburg voran. Mit dem Titel “It’s the media, stupid” hatte die Lead Academy dieses Jahr ein angenehm flapsiges Motto für das Branchentreffen ausgegeben. Die Themen des Symposiums waren deswegen nicht weniger engagiert oder ernsthaft: mit einem Crossover aus ganz unterschiedlichen Panels u. a. mit den Internetaktivisten Julian Assange und Jacob Applebaum war ein Rahmen abgesteckt, der Trennschärfe zwischen den einzelnen Themen und damit Raum für Gespräch, Diskurs und Kontextualisierung der Medienbranche zuließ.

So berichteten die jungen Magazinmacher Ibrahim Nehme aus Beirut (The Outpost), David Lane aus London (The Gourmand), Nacho Alegre aus Barcelona (Apartamento) und Uwe Jens Bertmeitinger aus Hamburg (TIssue) über ihr Selbstverständnis und über Rahmenbedingungen, die, sollen und wollen das Blatt und ihre Macher die ersten Ausgaben überstehen, beachtet werden wollen. Unklare Rollen- und Aufgabenverteilung in der Anfangsphase eines Blatts seien typische Anfängerfehler, aus dem man immer erst hinterher lerne, die aber besser nicht gemacht würden. Weiterlesen →

Update Lead Awards 2013

Die Preisträger der diesjährigen Lead Awards sind gekürt. Der Zeitverlag gewann in 6 der ausgelobten 20 Kategorien Gold: die ZEIT ist nicht nur Leadzeitung des Jahres, sondern gewinnt mit der Reportage „Der Pop der frühen Jahre“ von Esther Friedmann auch in der Kategorie Porträtfotografie des Jahres. Mit der Reportage „Die ersten Jahres meines Sohnes“ von Christopher Anderson und der Illustration „Das war nix. Oder doch?“ von Christoph Niemann gewinnt der Zeitverlag außerdem in der Kategorie Reportage des Jahres und Kategorie Illustration des Jahres. Mit dem Cover des Zeitmagazins Nr. 50 wird die ZEIT zudem in der Kategorie Cover des Jahres mit Gold ausgezeichnet. Das ZEIT Magazin gewinnt darüberhinaus den Publikumspreis.

Magazin des Jahres wurde Vice. Das Magazin gewinnt außerdem mit dem Heft „The Syrian Issue“ Gold in der Kategorie Beitrag des Jahres und mit der Fotostrecke „Bedu“ von Jim Mangan in der Kategorie Mode- und Moodfotografie. In der Kategorie Newcomer des Jahres konnte sich das Magazin Interview durchsetzen. Bestes Tabletmagazin wurde Freunde von Freunden. Gold in der Kategorie Foto des Jahres ging an den ägyptischen Fotografen Mohamed Abd El Ghany mit dem Foto “Trauriges Jubiläum” für den Stern. Der Stern wurde außerdem mit dem Sonderpreis der Academy für das beste Redesign ausgezeichnet. In der Kategorie Kampagne des Jahres wurde einmal mehr eine Kampagne von Hornbach mit Gold prämiert. Visual Leader des Jahres sind Marco Fiedler und Achim Reichert, die unter anderem für die documenta und andere Kulturinstitutionen gearbeitet haben. Gold in der Kategorie Webmagazin des Jahres ging an das Magazin uncube magazine. Weblog des Jahres wurde „What Ali wore“. Der ausgelobte Sonderpreis ging an krautreporter.de.

Eine Liste der Preisträger Silber und Bronze ist hier einzusehen.

Alle prämierten wie auch nominierten Arbeiten sind bis zum 13. Oktober in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen.